Dem Todesblock entkommen


Dass Erna de Vries ihre Geschichte heute erzählen kann, hat sie dem Zufall zu verdanken. Als im Todesblock 25 des Vernichtungslagers Auschwitz die Inhaftierten in die Gaskammern geschickt werden sollen, ruft auf einmal ein SS-Mann ihre Nummer.
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Für ihre lebhafte Erzählung bedankten sich Förderschulkonrektorin Maria Butterweck und Rektor Wilhelm Kleinert bei Erna de Vries


„Du hast mehr Glück als Verstand“, sagt er. Denn die junge Frau wird an diesem Tag nicht sterben, sondern in das Lager Ravensbrück verlegt, weil Arbeitskräfte benötigt werden. Dafür werden die sogenannten Mischlinge ersten Grades aus den Lagern abgezogen.
De Vries hat in der vergangenen Woche in der Pestalozzischule in Papenburg ihre Überlebensgeschichte erzählt. Als Vorbereitung auf eine Krakau-Reise der neunten und zehnten Klassen, bei der die Schüler auch Auschwitz besuchen, war die 86-jährige Frau eingeladen worden. Die Mutter der Lathenerin hatte ihr kurz vor der Ermordung durch die Nazis gesagt: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Genau das macht Erna de Vries bereits seit 1998. Ihre Erzählungen verlieren über die Jahre nicht an Schrecken.
Als sie ein junges Mädchen ist, kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Ihr Vater, der 1931 starb, war Christ, ihre Mütter ist Jüdin. De Vries gilt nach Nazi-Auffassung als Mischling. In der Reichspogromnacht eskaliert die Lage für die Familie. Geschäfte jüdischer Kaufleute werden geplündert und in Brand gesteckt. In ihrer Angst, ebenfalls zum Opfer des Mobs zu werden, fliehen Mutter und Tochter zum Grab des Vaters. Auf dem christlichen Friedhof sind sie in Sicherheit. Nach kurzer Zeit kehrt de Vries zum elterlichen Haus zurück und muss mit eigenen Augen mit ansehen, wie ihr Zuhause von einer wütenden Menschenmenge verwüstet wird.
Als ihre Mutter nach Auschwitz deportiert wird, geht sie mit – freiwillig. Dort wartet auf die beiden Frauen das Grauen schlechthin. Sie werden zunächst registriert, tätowiert und kahl geschoren. In den ersten vier Wochen kommen sie in Quarantäne. Den Tag verbringen sie draußen in sengender Hitze. Dann werden sie zum Arbeitsdienst abkommandiert. Die Zustände im Lager sind grauenvoll. De Vries: „Die Baracken waren total überfüllt und die Decken voll Ungeziefer.“ So zieht sie sich eine schwere Entzündung am Bein zu, die nicht verheilt. Bei einer Selektion werden ihre Wunden entdeckt. Sie kommt in den Todesblock 25. Dort befinden sich bereits etwa 600 Frauen. Alle wissen, was ihnen am nächsten Tag bevorsteht. Die ganze Nacht brennt das Licht in der Baracke, die Latrinen dürfen nicht mehr benutzt werden. Am nächsten Morgen müssen sich die Frauen auf dem Innenhof versammeln. Dort wird de Vries gerettet und nach Ravensbrück verlegt. Sie wird bei Siemens zur Zwangsarbeit abgestellt. Als die Alliierten immer näher rücken, muss sie ohne Pause marschieren – bis sie von amerikanischen Soldaten aufgegriffen wird.
Ihre Geschichte erzählt sie auch in einer Dokumentation, die von Studenten der Uni Münster erstellt worden ist. Der Film wurde auch den Papenburger Schülern vorgeführt. Zum Schluss erzählt de Vries, sie habe vorhin auf dem Schulhof ein Mädchen getroffen. „Sie sagte zu mir: Schön, dass Sie hier sind und überlebt haben.“ Die alte Dame antwortete lächelnd: „Ich bin auch froh, dass ich überlebt habe.“

(Quelle: Ems-Zeitung)