Vorgeschichte eines europäischen Märchens


Bild "comenius2008.jpg" Aufregung herrscht in Karolin Kochs Englischstunde. Eigentlich sollen die Schüler Toms Haar- und Augenfarbe benennen – doch sie haben nur Augen für ihre Gäste: Laura, Petra und Karolina kommen aus Finnland, sprechen schon viel besser Englisch und lassen die Schulbuchfigur Tom leicht vergessen.
Die drei Sechstklässlerinnen unterdessen haben Tom längst in den richtigen Farben ausgemalt. Den Unterricht hier finden sie lauter als in Finnland, verraten sie später – kein Wunder, denn ihre Klasse in der Grundschule von Kaitainen zählt gerade mal fünf Schüler. Außerdem ist die Papenburger Pestalozzischule, an der die drei zurzeit zu Gast sind, eine Förderschule – da darf der Unterricht ruhig etwas anders sein.
Außer Laura, Petra und Karolina sind 18 Lehrer aus acht europäischen Ländern nach Papenburg gereist. Ihre Schulen in Finnland, Litauen, Polen, Italien, Spanien, Wales und Irland nehmen allesamt am Comenius-Programm der Europäischen Union teil, das den Austausch europäischer Bildungseinrichtungen fördert. Beteiligt ist auch eine türkische Schule – deren Lehrer konnten allerdings nicht nach Papenburg kommen.
Vor der Schnupperstunde bei Karolin Koch hatte die Pestalozzischule ihre Gäste gestern Morgen mit einem bunten Begrüßungsprogramm mit Chor, Blockflötenorchester und Schattentheater empfangen. Schulleiter Wilhelm Kleinert hatte anschließend eine Plakette im Eingangsbereich befestigt, die seiner Schule die nunmehr dritte Teilnahme am Comenius-Projekt bescheinigt.
Das steht in diesem Jahr unter dem Motto „Reisen durch Europa in der kindlichen Imagination“. Es soll darum gehen, die Fantasie der Schüler anzuregen und so einen kreativen Zugang zu Europa zu schaffen. Die beteiligten Schulen wollen deshalb ein gemeinsames europäisches Märchen erschaffen, wie Lehrerin Gisela Brockmann erklärt.
Die Koordinatorin des Comenius-Projekts an der Pestalozzischule war im Januar zu einem ersten Planungstreffen ins polnische Sobot gefahren, dessen Grundschule Nr. 1 das diesjährige Programm hauptverantwortlich betreut. „Ich bin damals auf eigene Kosten nach Polen gefahren, weil die Antragsfrist für EU-Zuschüsse schon abgelaufen war“, erzählt Brockmann, „doch es hat sich gelohnt, denn wie man sieht, ist es ein sehr schönes Projekt geworden.“ Brockmann meint damit die Idee mit dem Märchen, die von allen beteiligten Schulen einvernehmlich entwickelt und getragen wird.
Das Papenburger Arbeitstreffen ist nun so etwas wie die Vorgeschichte dieses europäischen Märchens. „Jede Schule entscheidet derzeit, welches Märchen sie beisteuern will“, erläutert Brockmann. Hoch im Kurs stünden bei ihren Schülern die Bremer Stadtmusikanten. Wie genau die einzelnen Märchen am Ende verknüpft werden sollen, wollen die Lehrer jetzt klären. Nebenbei tauschen sie sich aus, lernen einander besser kennen und knüpfen Kontakte. „Auf diese Weise entstehen auch Partnerschaften zwischen einzelnen Schulen“, sagt Brockmann.
Im Mai wollen alle Beteiligten im litauischen Telsíaí erneut zusammentreffen. Dann werden auch einige Papenburger Pestalozzischüler mitkommen – und wahrscheinlich sehr aufgeregt sein: Zu Gast sein sollen dann nämlich auch die beiden anderen Sechstklässler der ruhigen Grundschule von Kaitainen.

(Quelle: Ems-Zeitung)